Rückgang vom Alkoholkonsum bei Jugendlichen?

Junge Menschen trinken heute insgesamt weniger Alkohol als noch vor etwa 10 Jahren. Für die Schweiz lässt sich der Trend nur teilweise feststellen. Der regelmäßige Konsum ist deutlich zurückgegangen, aber seit etwa 2014 stagniert er bei Jugendlichen weitgehend. Gelegentliches Rauschtrinken bleibt ein relevantes Problem. Im europäischen Vergleich liegt die Schweiz eher im Mittelfeld – mit einem ähnlichen langfristigen Rückgang wie viele andere Länder.

Bild: Blue Cocktail Bar, Blaues Kreuz Bern-Solothurn-Freiburg.

Was hat sich verändert?
Bei Schweizer Jugendlichen sank der mindestens wöchentliche Alkoholkonsum zwischen 2002 und 2014 deutlich. Danach blieb er bis 2022 ungefähr stabil; bei 15-jährigen Mädchen wurde gegenüber 2018 sogar wieder ein Anstieg beobachtet. Auch das wiederholte Betrunkensein ging zwischen 2010 und 2014 zurück, stagnierte danach aber weitgehend.

Entwicklung Schweiz
Regelmäßiger KonsumLangfristig deutlich gesunken, seit 2014 eher stabil
Früher EinstiegInsgesamt zurückgegangen
RauschtrinkenNicht im gleichen Maß gesunken; bei einzelnen Altersgruppen wieder gestiegen
Täglicher KonsumVor allem in der Gesamtbevölkerung langfristig stark rückläufig
Junge ErwachseneHäufiger gelegentlich oder punktuell riskant statt täglich

Die Schweizer Daten von 2022 zeigen, dass jeweils rund 43% der 15-jährigen Jungen und Mädchen in den letzten 30 Tagen Alkohol getrunken hatten – ungefähr ähnlich viel wie 2018. Etwa ein Viertel der 15-Jährigen hatte sich mindestens einmal stark betrunken.

Das bedeutet: Junge Menschen trinken nicht unbedingt gar keinen Alkohol. Sie trinken eher seltener regelmäßig, aber ein Teil trinkt weiterhin bei bestimmten Gelegenheiten viel.

Warum trinken viele weniger?
Die Forschung liefert keine einzelne Erklärung. Wahrscheinlich wirken mehrere Veränderungen zusammen:

  • Weniger Ausgeh- und Trinkgelegenheiten: Jugendliche treffen sich teilweise seltener in Bars, Clubs oder auf Partys. Mehr Freizeit findet online, zu Hause oder in kleineren Gruppen statt. Weniger nächtliches Ausgehen bedeutet auch weniger Gelegenheiten, Alkohol zu trinken.
  • Stärkere elterliche Kontrolle: In europäischen Ländern mit rückläufigem Konsum hängt der Rückgang unter anderem mit mehr elterlicher Kontrolle und einer geringeren Häufigkeit des Ausgehens zusammen.
  • Gesundheits- und Fitnessbewusstsein: Alkohol passt für viele weniger zu Sport, körperlicher Leistungsfähigkeit, Schlaf, Hautpflege oder psychischem Wohlbefinden. Alkoholfreie Getränke sind zudem sichtbarer und gesellschaftlich akzeptierter geworden.
  • Weniger Rauchen und andere Trinkrituale: Alkohol, Zigaretten und bestimmte Ausgehkulturen waren früher stärker miteinander verbunden. Der Rückgang des täglichen Rauchens kann deshalb auch Trinkgelegenheiten und Gruppennormen verändert haben.
  • Mehr Wissen über Risiken: Prävention, Gesundheitsinformationen und die Diskussion über Alkohol als Krebs- und Suchtmittel haben die Vorstellung geschwächt, Alkohol sei grundsätzlich harmlos.
  • Veränderte soziale Normen: Es ist heute leichter, bei einer Feier keinen Alkohol zu trinken, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Alkoholfreies Bier, Mocktails und Alternativen machen Verzicht sozial einfacher.
  • Digitale Freizeit: Internet, Streaming, Gaming und soziale Medien haben einen Teil der Freizeit vom klassischen Nachtleben wegverlagert. Das kann den Alkoholkonsum senken, wobei digitale Medien auch neue Risiken schaffen können.

Wichtig ist: Das sind Erklärungsansätze, keine vollständig bewiesene Einzelursache. Außerdem gelten sie nicht für alle Jugendlichen gleichermaßen.

Schweiz im europäischen Vergleich
Die europäischen Daten bestätigen einen langfristigen Rückgang. In der ESPAD-Erhebung unter 15- bis 16-Jährigen sank der Anteil, der jemals Alkohol getrunken hatte, in den teilnehmenden Ländern von 88% im Jahr 1995 auf 74% im Jahr 2024. Der Alkoholkonsum in den letzten 30 Tagen ging von 55% auf 43% zurück. Rauschtrinken sank langfristig von 36% auf etwa 30%, allerdings mit Schwankungen.

Für die Schweiz ist der Vergleich mehrdeutig:

  • Sie folgt dem europäischen Muster des langfristigen Rückgangs.
  • Der stärkste Rückgang lag eher in den Jahren vor beziehungsweise bis 2014.
  • Seitdem ist bei Schweizer Jugendlichen weniger ein kontinuierlicher Rückgang als eine Stabilisierung zu beobachten.
  • Wie in Europa bleibt Rauschtrinken problematischer als regelmäßiges Trinken.
  • Die Unterschiede zwischen Ländern sind erheblich: 2024 lag der Alkoholkonsum in den letzten 30 Tagen bei ESPAD-Schülerinnen und -Schülern beispielsweise bei 12% in Island, aber bei 68% in Dänemark und 62% in Deutschland.

Die Schweiz ist daher weder ein extremes Abstinenzland noch ein europäischer Spitzenreiter beim Jugendkonsum. Sie liegt bei vielen Kennzahlen in einem europäischen Mittelfeld, wobei nationale Trinkkulturen, Zugang zu Alkohol, Kontrollen und Ausgehgewohnheiten eine große Rolle spielen.

Was man nicht übersehen sollte
Der Rückgang des Durchschnittskonsums bedeutet nicht, dass das Alkoholproblem verschwunden ist. In der Schweiz trinken junge Menschen zwar seltener regelmäßig, aber punktuell riskanter Konsum bleibt verbreitet. Sucht Schweiz weist außerdem darauf hin, dass monatliches Rauschtrinken besonders bei jungen Personen vorkommt.

Außerdem verändert sich die Risikowahrnehmung: Während klassischer Alkoholkonsum zurückgeht, nehmen andere digitale oder substanzbezogene Verhaltensweisen teilweise zu. Die europäische ESPAD-Erhebung berichtet beispielsweise von einer starken Verbreitung von E-Zigaretten und einer wachsenden Bedeutung problematischer digitaler Nutzung.

Kurz gesagt: In der Schweiz trinken Jugendliche heute im Durchschnitt weniger häufig und weniger regelmäßig als vor zehn bis zwanzig Jahren. Der Rückgang hat sich aber seit ungefähr 2014 abgeschwächt; bei Festen und bestimmten Gelegenheiten bleibt intensives Trinken ein Problem. Im europäischen Vergleich ist die Schweiz Teil eines allgemeinen Rückgangstrends, aber nicht jedes Land entwickelt sich gleich und nicht jede Form des Konsums nimmt ab.

Quellen: suchtschweiz; euda.europa, espad, Publikationen – hbsc.ch

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